Komischer Kautz

truckGerade eben mit den letzten Einkäufen fertig geworden setze ich mich ins Auto, fahre los und freue mich darüber die CD von Amy MacDonald im Autoradio zu hören.

Am ersten Kreisverkehr nach der Ausfahrt aus dem Parkplatz kommt von Links der Fahrer eines dunklen Mittelklassewagens. Ich halte an und wundere mich. Er tut es mir gleich. Obwohl er im Kreisverkehr klar Vorfahrt hat und den Fahrer hinter sich behindert, winkt er mir ich solle vorfahren. Etwas verwundert ob des nicht ganz üblichen Verhaltens gebe ich Gas und fahre in den Kreisverkehr ein. Vielleicht ist es in Waiblingen so. Bestimmt sind alle Waiblinger nett und zuvorkommend geht es mir durch den Kopf. Nett ist er schon, wenn man nicht hinter Ihm im Kreisverkehr ist. Es gehen mir komische Gedanken durch den Kopf. Hatte er im Januar Geburtstag? Er sah doch deutlich älter aus als 21. Vielleicht hat eines seiner Kinder im Januar Geburtstag. Ich konzentriere wieder auf den Verkehr.

Ich werfe einen Blick in den Rückspiegel. Er hat den gleichen Weg und er fährt auch auf die B10. Komisch obwohl ich zwischen 80 und 100 Km/h schwanke, macht er keine Anstalten zu überholen. Er hat es sicher auch nicht eilig. Unwillkürlich summe ich “Rätem Rätem Rätätätä, Was will der alte Kerl da hinter mir nur?”. Wer war das nochmal? Es fällt mir wieder ein. Es waren Valentino und Uschi Ende der Siebziger.

Richtung B313 fahre ich etwas zügiger und biege zweispurig ab. Er fährt fast an mir vorbei, als ich meine Geschwindigkeit, wegen der Witterungsverhältnisse, wieder drossle und mich rechts einordne. Aber er überlegt es sich anders, bremst ab und ordnet sich wieder hinter mir ein. Ich denke an Duel von 1971 oder Enemy of the State aus 1998 und fühle mich wie Will Smith es spielt oder wie Dennis Weaver sich in seinem Auto gefühlt hätte.

Ich verlasse mit Blick in den Rückspiegel die Bundesstraße und ordne mich links ein um nach Hause zu fahren. Ich denke daran, dass die Anziehungskraft zweier Massen mit dem Quadrat ihrer Entfernung abnimmt. Er ist mir nicht nahe genug. Meine leicht adipöse Statur ist sicher nicht der Grund dafür, mir erneut zu folgen.

Der Schelm in mir schlägt zu und ich überlege, wo der nächste Kreisverkehr ist. Mal sehen wie viele Runden er das mitmacht. Leider hätte ich an der Ampel recht fahren müssen und denke mir eine neue Strategie aus.

Auf nach rechts ins Industriegebiet denke ich mir. Um 7:00 Abends wird dort niemand einen Termin haben. Er hat. Ich fahre an dunklen Firmengeländen vorbei. Ich bremse etwas an der Tankstelle. Interessiere mich für die Spritpreis, er auch. Der Diesel ist heute billiger. Aber doch nicht so billig, dass ich Tanken möchte. Auch er hat wohl schon eine günstigere Tankstelle gesehen.

Gut dann fahre ich jetzt links durch das Wohngebiet. Es sucht sicher auch seine Bekannten, kann sie aber nicht finden. Ich bin sicher, er hat sich verfranzt und hält sich an das einzige Licht im Dunkel: Mein Rücklicht. Ich erspähe eine weitere Tankstelle. Gleiches Spiel. Gleicher Preis. Dennoch schaue ich mir noch ausführlicher die Preise an. Er auch, man weiß ja nie. Vielleicht fragt die Frau nachher wo er so lange war. Er muss sich Einzelheiten merken und muss ja noch zurück nach Waiblingen. Ich fahre jetzt willkürlich mal rechts, dann wieder links. Er fühlt sich ohne mich sehr einsam denke ich mir. So nun ich bin gemein und stelle mein Auto ab. Und die nächste Parklücke ist 50 Meter weg. Ich gehe Einkaufen oder tue zumindest so. Nachdem er geparkt hat, geht er die 50 Meter zu meinem Auto, mit Aktentasche, damit es nicht so auffällt. Was soll dass denn jetzt? Er kniet neben meinem Fahrzeug nieder. Sicher will er meine Standheizung bewundern oder doch nicht? Er fummelt etwas herum. Jetzt werde ich Stutzig und kehre zum Fahrzeug zurück. Hatte er etwas aus der Tasche geholt? Was genau hat er vor? Ich sehe mich schon in eine paar Minuten einsteigen und wenige Sekunden später das Los von Callahan aus die Akte von 1993 ereilen.

Er holt nur sein Blackberry aus der Tasche. Eine etwas älter Version aber für die Show ausreichend.

Ich bin immer für neue Bekanntschaften und für ein ehrliches offenes Wort und gehe zu Ihm hin.

“Haben Sie ein Anliegen, bei dem ich Ihnen behilflich sein kann?” frage ich. Ich bin unsicher. In meinem Kopf formt sich ein Koshinage. Tenkan oder irimi ? Ich überlege ohnehin zu lange. “Wie kommen Sie darauf, dass ich von Ihnen etwas wollte?” Fragt mich der Fremde, der keine Anstalten macht sich als Detektiv oder Sonderermittler der Steuerfahndung vorzustellen. Es hätte mich auch gewundert. Das wäre doch zu einfach gewesen.

“Sie folgen mir nun seit dem Kreisverkehr am Autohaus.” Sage ich. “Nur weil ich den selben Weg wie sie habe, muss ich doch nichts von Ihnen wollen?” Ich denke daran, wie er gerade eben noch an meinem Fahrzeug kniete, dass 50 Meter von seinem dunklen deutlich edleren Gefährt steht, und zu dem er noch zurück laufen musste. Was für ein verlogener Strick. Ich bin irgendwie überrumpelt und finde keine Worte. Vielleicht würde ein Okuri Eri Jime aus den Shime-waza Ihn zur Aufgabe zwingen? Ich kenne mich selbst nicht mehr. Ich bekomme Angst vor mir.

“Wenn Sie bei der dem Autohaus” Er nennt den Namen “arbeiten, dann müsste ich Sie ja gesehen haben.” Wirft er mir an den Kopf. Damit bestätigt er mir indirekt, dass er mir seit dort folgt. Möchte er jetzt, dass ich Ihm seine Vermutung bestätige oder Ihm gar sage wo ich arbeite? “Nein, wir haben uns dort nicht gesehen.” Ich werde Ihm sicher nicht sagen, an welchem Arbeitsplatz ich tagein tagaus die Abgabe fürs Finanzamt erarbeite.

“Wer sind sie überhaupt?” Will er von mir wissen. “Haben Sie mich verfolgt oder ich Sie?” entgegne ich perplex. “Sie wollen also nichts von mir?”. “Nein” sagt er. “Ich habe Nummer Ihres Fahrzeugs notiert und möchte sicher sein, dass Sie kein Anliegen haben, dass mit mir in Zusammenhang steht.” “Nein” wiederholt er. Die nächste Polizei Dienststelle ist nur ein paar Schritte von uns entfernt und ich möchte etwaige Unstimmigkeiten lieber dort klären. Aber er bleibt dabei. “Es gibt nichts, was ich von Ihnen will.” beteuert er.

Mein Unterbewustsein verwirft den Koshinage und die Würgetechniken und empfindet so etwas wie Mittleid. Betrügt Ihn seine Frau? Vielleicht mit einem wilden Auto emoción Fahrer? Der Gedanke an Donatien-Alphonse-François der mir im Kreisverkehr kam, als ich das Nummernschild kurz erblickte, wird mir bei Anblick des Mannes trotz der Dunkelheit und der sonderbaren Stimmung sehr fern.

Er sieht mein verwirrtes Gesicht und zückt sein Blackberry. Wählt eine viel zu lange Nummer in der Annahme, ich hätte den ersten Teil vielleicht noch nicht mitbekommen. “Hallo Herr…” Ich hörete reflexartig weg. Den Namen wollte ich nicht verstehen, da mich diese Art “Ich habe ein Blackberry, und ich zeige es jedem, der es nicht sehen will” Gespräche nicht sonderlich interessieren. Ein Satz holt mich dann doch wieder aus meiner kurzen Abwesenheit heraus.
“Da steht ein Herr, der sich von mir verfolgt fühlt. Wahrscheinlich bin ich dem falschen hinterher gefahren.” Wie jetzt? Ich dachte er hatte nur den gleichen Weg. Jetzt ist er mir doch hinterher gefahren? Aber ich war der falsche, dem er folgte? Ich reime mir zusammen, wie er wohl heißen könne und komme immer wieder auf den Namen “Käpt’n Blaubär” . Natürlich ist es viel zu dunkel um die Farbe seiner Haut zu erkennen, aber ich bin mir doch sicher, er hat kein Fell. Das Telefonat geht mir erhobener Stimme weiter, wahrscheinlich damit ich nichts verpasse. “Wo sind Sie? Und wie komme ich dahin?”. Oh je, auch noch ein schlechtes Drehbuch denke ich, fast wie in … Mir fallen viele unterschiedliche Filme ein. Wie soll denn sein Gegenüber wissen, wie es da hin kommt, wenn er keine Ahnung hat wo er sich im Moment befindet? Ich möchte wie ab und an im Kino laut schreien: “Regiefehler”. Es ist Einfach nur schlechte Schauspielkunst und ich habe genug. Aber immerhin bemerkt er seinen Fehler und schiebt gleich die Frage hinterher: “Wo sind wir denn hier?”.
Jetzt geht er zu weit und weitere seine Körper malträtierende Kampfsportechniken gehen mir durch den Kopf. “Ähm, Sie sagten doch gerade, Sie und ich hätten nur den gleichen Weg gehabt und nun wissen Sie nicht wo Sie sind?”.
Ich stelle Ihn mir in einer weißen Zwangsjacke vor, wild zappelnd und schreiend. “Wo bin ich? wo bin ich?”. Er hat es gemerkt eine neue Strategie muss her. Ich höre wie die Zahnräder in seinem Kopf in leichter Verspannung knirschend aneinander reiben. “Also ich komme dann jetzt zu Ihnen. Wo sind Sie? Aha. Ok.”

Ich habe endgültig genug von dem Theater und verabschiede mich ohne einen Zweifel daran zu lassen, dass ich ich nicht wieder zu sehen wünsche.

“Na wenn Sie nichts weiter von mir wollen, ist ja alles in Ordnung. Dann nichts für ungut. Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend.” Seine Antwort fällt etwas kürzer aus. “Jaja”.

Er wackelt zu seinem Auto. Ich schaue ihm kopfschüttelnd hinterher. Ich stehe bereits neben meinem Gefährt und steige ein. An sich würde ich jetzt gerne losfahren, aber eine Dame die neben Parkt, versucht verzweifelt aus der Parklücke zu kommen. Gerade zurückfahren wäre sicher ein Option, aber sie möchte nicht den direkten Weg. Sie fährt gegen den Randstein und würgt Ihr Auto ab.
“Was für ein Tag” Denke ich. An sich finde das Intermezzo mit kurzem Geschmunzel ganz nett. Sicher ist der Waiblinger dann weg, wenn ich endliche aus der Parklücke komme. Ich mache der Motor wieder aus und warte geduldig. Im dritten Anlauf und mit viel Schwung wuchtet die Dame Ihr Auto über den Bordstein. In mir kommt etwas Mitleid mit dem Fahrwerk des Kleinwagens auf. Aber mein Interesse gilt eher dem 50 Meter weiter parkenden Dunklen Auto.

Das Licht ist an, der Motor läuft. Aber er bewegt sich nicht. Ok es ist kein Truck plattmachen wird er mich mit diesem Fahrzeug nicht. Aber ich denke wieder an das wurschteln unter meinem Fahrzeug. Ich hatte vor Jahren im ISL gesehen, was auch kleinste Megen von Sprengstoff anrichten können. Ich verdränge den Gedanken. Die Ärtze konnten mir mit Ihrem Schlaflied auch keine Angst einjagen. So schlimm wird es nicht werden. “Man hätte ich doch nur den Koshinage …” Denke ich. Nein ganz klar. Gewalt ist keine Lösung. Ich fahre rückwärtz aus der Parklücke, biege sofort links ab. Und er ward nicht mehr gesehen.

Mein Auto ist noch nicht in Rauch aufgegangen. Mal sehen was die Nacht so bringt.

3 thoughts on “Komischer Kautz”

  1. wie wäre es damit: “klar karl, fahr einfach vor, ich folge dir in deinem blauen auto… oh, das ist wohl nicht karl, sein auto sieht auch irgendwie anders aus. wart mal, ich schau mir mal den innenraum an, ob der auch die gelben sitze drin hat…. shit, ich bin die ganze zeit dem falschen auto gefolgt… wo bin ich denn jetzt nur und wie sag ich dem schrank vor mir, dass das keine absicht war…”

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